Der symbolische Tausch und der Tod

Der Signifikant, der sich verdoppelt und in sich selbst zurückkehrt, um sich abzuschaffen, macht die gleiche Bewegung der Gabe und Gegen-Gabe, des Gebens und Zurückgebens und der Reziprozität, in der der Tauschwert und der Gebrauchswert des Objektes abgeschafft werden – er vollendet genau den Zyklus, der in einem Nichts des Wertes resultiert. Und über dieses Nichts vermittelt sich die Intensität der symbolischen gesellschaftlichen Beziehungen, beziehungsweise der Genuss eines Gedichtes.

 

(Jean Baudrillard)

Pilatus und Jesus

Jetzt steht er vor Gericht, befindet sich also am passendsten Ort, um die Wahrheit seines Zeugnisses zu beweisen. Rätselhaft und schwer verständlich ist jedoch nicht das Zeugnis selbst, sondern die Wahrheit, die es bezeugen soll, nämlich die paradoxe Tatsache, dass er ein Reich hat, es aber nicht ‚von hier‘ ist. Er muss in der Geschichte und in der Zeit die Gegenwart einer überhistorischen, ewigen Wirklichkeit bezeugen. Doch wie soll man die Gegenwart eines Reichs bezeugen, das nicht ‚von hier‘ ist ?

 

(Giorgio Agamben)

Mit Narzissen

Dies sind Blumen der freundlichen Frühjahrserde; sie blühen / Hoch an Hängen, und tief wandert im Tale der Strom. / Da ich sie brach, verdämmerte Licht, erdunkelte Abend, / Und meinem nächtlichen Blick, da ich in Garten und Haus / Wiedergekehrt nach deinem Gesicht, nach deines Gewandes / Schein und dem schwimmenden Blau unserer Beete gesucht, / War statt aller geliebten Gestalt der eiserne Lorbeer / Streng entgegen gehäuft. Aber er blühte, und mir.

 

(Rudolf Borchardt)

Das Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft

Es macht / wenig Unterschied zwischen dieser und jener Entfernung; / es kommt auf die Nähe zu unseren Landschaften an, / die so wichtig für die Argumente der Bilder, für / die Arbeiten im Gedächtnis sind…und so / kannst du weggehn für eine Weile; es bleibt ja / auf dieser Seite der Hügel, wie es ist, das Licht / in den Kirschen und hinter der Scheune die Dämmerung.

 

(Jürgen Becker)

An die Geliebte

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt, / Mich stumm an deinem heil’gen Wert vergnüge, / Dann hör’ ich recht die leisen Athemzüge / Des Engels, welcher sich in dir verhüllt. // Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt / Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge, / Daß nun in dir, zu ewiger Genüge, / Mein kühnster Wunsch, mein einz’ger, sich erfüllt ? // Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, / Ich höre aus der Gottheit nächt’ger Ferne / Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen. // Betäubt kehr’ ich den Blick nach oben hin, / Zum Himmel auf – da lächeln alle Sterne; / Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

 

(Eduard Mörike)

Pariser Entwurf

Die Schulter, die du mir zeigst, / ist aus rotem Mantelstoff / und das Erstaunen doppelt, / wenn dein Lockenschwarz sich auf den Schäften spiegelt / beim Gehen in den Abend / ist der Lichterkegel eines Wagens / rasend vor dir aufgeblendet / der Blitz an den ich denken werde / der Blitz der dich enthält / den ich in Gedanken bei mir trage / durch Frühling Sommer Herbst und Winter / in den Straßen und Alleen auf und ab / so lange werd‘ ich leben / bis mir dein roter Mantel vor die Füße fällt

 

(Jan Volker Röhnert)

Der Fall Wagner

Nochmals gesagt: bewunderungswürdig, liebenswürdig ist Wagner nur in der Erfindung des Kleinsten, in der Ausdichtung des Détails – man hat alles Recht auf seiner Seite, ihn hier als einen Meister ersten Ranges zu proklamiren, als unsern grössten Miniaturisten der Musik, der in den kleinsten Raum eine Unendlichkeit von Sinn und Süsse drängt. Sein Reichthum an Farben, an Halbschatten, an Heimlichkeiten absterbenden Lichts verwöhnt dergestalt, dass Einem hinterdrein fast alle andern Musiker zu robust vorkommen.

 

(Nietzsche)

Tagebuch 1910

Alle Dinge nämlich, die mir einfallen, fallen mir nicht von der Wurzel aus ein, sondern erst irgendwo gegen ihre Mitte. Versuche sie dann jemand zu halten, versuche jemand ein Gras und sich an ihm zu halten, das erst in der Mitte des Stengels zu wachsen anfängt.

 

(Kafka)