Sonett 30

Wenn ich zu süssen stillen sinnens tag / Aufruf erinnerung der vegangenheit / Beseufze manch ein ding woran mir lag / Und altes weh neu weint um schwund der zeit: // Dann fliesst mein aug dem seltne träne kam / Um teure freunde fern in todesnacht / Rinnt um der lang getilgten liebe gram / Klagt um den ausfall viel verblichner pracht. // Dann schmerzen mich die schmerzen längst ertragen / Und schwer von weh zu wehe zähl ich her / Die trübe liste schon beklagter klagen / Und zahle sie wie nicht bezahlt vorher. // Doch denk ich teurer freund an dich derweil / Sind sorgen ferne und verluste heil.

 

(Übersetzung: Stefan George)

Die Krankheit zum Tode

Der Zustand in der Sünde ist im tiefsten Sinn die Sünde, die einzelnen Sünden sind nicht die Fortsetzung der Sünde, sondern Ausdruck für diese Fortsetzung; in der einzelnen neuen Sünde ist das Tempo der Sünde nur sinnlich stärker wahrnehmbar.

 

(Kierkegaard)

Herkunft

Es sind die Hände meines Vaters, die mir einen Sinn dafür gaben, daß die Eigenschaften, das Herz eine Menschen vordringen können bis in seine äußeren Gliedmaßen.

 

(Botho Strauß)

Tractatus

Dies wirft ein Licht auf die Frage, warum die logischen Sätze nicht durch die Erfahrung bestätigt werden können, ebensowenig, wie sie durch die Erfahrung widerlegt werden können. Nicht nur muß ein Satz der Logik durch keine mögliche Erfahrung widerlegt werden können, sondern er darf auch nicht durch eine solche bestätigt werden können.

 

(Wittgenstein)

Mahler

Stattdessen erscheint bei Mahler jener subjektiven Vorstellung, die Musik physisch wie ein Rauschen im Kopf fühlt, die objektive Welt noch einmal, entgegenständlicht, begrifflich nicht festzunageln, zugleich aber höchst bestimmt und einsichtig. Subjektivität wird von Musik nicht so sehr mitgeteilt oder ausgesprochen, als daß in ihr wie auf einem Schauplatz ein Objektives sich zuträgt, dessen identifizierbares Gesicht ausgelöscht ist.

 

(Adorno)

Mysterium iniquitatis

Zwei unvereinbare, gleichwohl aufs engste miteinander verbundene Elemente bestimmen die Kirche: Ökonomie und Eschatologie, ein irdisch-zeitliches Element und eines, das mit dem Ende der Zeit und der Welt in Beziehung steht. Wenn das eschatologische Element verkümmert, wird die weltliche Ökonomie im wahrsten Sinne des Wortes unendlich, das heißt end- und zwecklos.

 

(Giorgio Agamben)

Politische Ökonomie

Das Gesetz, das den Austausch zwischen den Akteuren und Institutionen regelt, kann so formuliert werden: Die Institution gibt alles, angefangen von der Macht über die Institution, denjenigen, die der Institution alles gegeben haben, weil sie nämlich nichts waren außerhalb der Institution und ohne die Institution und weil sie die Institution nicht verleugnen können, ohne sich selbst zu verleugnen, indem sie sich all das nehmen, was sie durch und für die Institution sind, der sie alles verdanken.

 

(Pierre Bourdieu)