Die Regeln der Kunst

Jede einzelne Verhaltensweise jeder Person präzisiert somit das System der Unterschiede, die diese von allen anderen Mitgliedern der Experimentalgruppe abheben, ohne die ursprüngliche Formel je zu vergrößern. Denn jede Person ist vollständig in jeder ihrer Äußerungen enthalten, diese, als pars totalis, dazu bestimmt, als unmittelbar verständliches Zeichen für alle anderen, vergangenen wie zukünftigen, zu fungieren.

 

(Pierre Bourdieu)

Römerbrief

Eros ist nicht nur unaufrichtig, sondern auch unkritisch. Er weiß ja nichts von dem Andern im Andern. Er sieht im Andern nur den, der er ist. Er „liebt“ ihn in seiner nicht-existentiellen Existenz, ohne zu merken, daß dies eben sein „Böses“ ist. Liebe aber ist das beständige Erwählen und Verwerfen des Andern, das Erwählen dessen, was er nicht ist (und dies ist sein „Gutes“ !), das Verwerfen dessen, was er ist (und dies ist in seiner Totalität sein „Böses“ !)

 

(Karl Barth)

Also sprach Zarathustra

Licht bin ich: ach dass ich Nacht wäre ! Aber dies ist

meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.

Ach dass ich dunkel wäre und nächtig ! Wie wollte

ich an den Brüsten des Lichts saugen !

Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen

Funkelsterne und Leuchtwürmer droben ! – und selig

sein ob eurer Licht-Geschenke.

Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die

Flammen in mich zurück, die aus mir brechen

 

(Friedrich Nietzsche)

 

Der siebente Ring

Du sagst dass fels und mauer freudig sich umwalden

Und führst mich wie durch dumpfen trümmerfall.

Mir klingen sterbeglocken von den heitren halden

Du singst ein lied im blüten-überschwall.

 

Sie die nicht bleiben wollten und doch weinend schieden

Umschweben mich indes du lächelnd schaust..

O kehren wir zurück da mir im mittagsieden

Vor der entfachten qual geständnis graust !

 

Schon schwindet mir die kraft im schweigen zu verbluten

Dass du zum heil dir mir zum tod dich trogst..

Ich will noch länger dankbar sein für die minuten

Wo du mir schön erschienst und mich bewogst…

 

Lebewohl ! du wirst nicht sehen wenn in schmerz und schwäche

Mein blick sich feucht geblendet senkt und schliesst

Und wenn die sonne hinter der entseelten fläche

Im stumpfen blau ihr tiefes gold vergiesst.

 

(Stefan George)

 

An den Mond

Selig, wer sich vor der Welt

Ohne Haß verschließt,

Einen Freund am Busen hält

Und mit dem genießt,

 

Was von Menschen nicht gewußt

Oder nicht bedacht,

Durch das Labyrinth der Brust

Wandelt in der Nacht.

 

(Goethe)

Katakombe

Die Beigesetzten sind vergessen.

Ihr abgespeistes Licht loht draußen fort.

Wir sind von anderm Licht besessen.

Sucht Katakombenbrüder für das Wort.

 

Es pflanzt den Hall aus Gott im Hohlen,

Und Nachhall klärt sich auf zum Urbefehl:

Da kreist, zum Schweben herbefohlen,

Das All, verheimlicht erst, dann ohne Hehl.

 

Nun trägt es auch die Beigesetzten

Für uns, die schwach schon sind, in ihrer Kraft.

Womit sie ihre Augen letzten,

Ersehn sie uns für die Gefangenschaft.

 

Resede schaukelt und Limone.

Es sammelt den versprengten goldnen Hort

Die Nacht nicht ein; sie weiß, er wohne

Befreit, verbürgt im Katakombenwort.

 

(Oskar Loerke)