Der Fortführer

Ein Künstler trug vom baren Eindruck, den ein altes Meisterwerk auf ihn machte, eine so tiefe Delle davon, daß er, an Leib und Seele gemuldet, buchstäblich eine menschliche Bucht geworden war. Nie wieder würde er die Brust vorwölben oder sich gar in die Brust werfen können.

 

(Botho Strauß)

Jeopardy

Sometimes when I phoned / my mother back in Tulsa, she would / say, „Hold on a minute, Ron, let me / turn this thing down“, the thing / her TV, and she would look / around for the remote and then fumble / with its little buttons as an irritation / mounted in me and an impatience / and I felt like blurting out out „You watch TV / too much and it’s loud and why / don’t you go outside“ because I was / unable to face my dread of her aging / and my heart made cold toward her / by loving her though not wanting to give up / my life and live near her so she / could see me every day and not / just hear me, which is why she / turned the TV down and said, / „Okay, that’s better,“ then sometimes / launched into a detailed account / of whatever awful show she was watching.

 

(Ron Padgett)

Ecstasy

Across the streets  an old Ford, they took off its wheels / The engine is gone / In its seat sits a box / With a note that says, Goodbye Charlie, thanks a lot // I see a child through a window with a bib / And I think of us and what we almost did / The Hudson rocketing with light / The ships pass the Statue of Liberty at night

 

(Lou Reed)

Das Testament

Die Anziehung, die seine ernste, aber doch nicht völlig geleistete Einsamkeit gelegentlich auf allerhand Menschen wider seinen Willen (vielleicht durch eine ihn fortwährend dementierende Sehnsucht) ausübte, trug ihm auch hier merkwürdige Verhältnisse ein, in denen er freilich so sehr zum Gebenden und Mittheilenden werden mußte, daß ein Ansammeln jener innerlichen Vorräthe, das endlich zu einer Spannung im eigenen Wesen führt, von Monat zu Monat vereitelt wurde.

 

(Rilke)

Römerbrief

Eros ist nicht nur unaufrichtig, sondern auch unkritisch. Er weiß ja nichts von dem Andern im Andern. Er sieht im Andern nur den, der er ist. Er „liebt“ ihn in seiner nicht-existentiellen Existenz, ohne zu merken, daß dies eben sein „Böses“ ist. Liebe aber ist das beständige Erwählen und Verwerfen des Andern, das Erwählen dessen, was er nicht ist (und dies ist sein „Gutes“ !), das Verwerfen dessen, was er ist (und dies ist in seiner Totalität sein „Böses“ !)

 

(Karl Barth)

Der siebente Ring

Du sagst dass fels und mauer freudig sich umwalden / Und führst mich wie durch dumpfen trümmerfall. / Mir klingen sterbeglocken von den heitren halden /  Du singst ein lied im blüten-überschwall. // Sie die nicht bleiben wollten und doch weinend schieden / Umschweben mich indes du lächelnd schaust.. / O kehren wir zurück da mir im mittagsieden / Vor der entfachten qual geständnis graust ! // Schon schwindet mir die kraft im schweigen zu verbluten / Dass du zum heil dir mir zum tod dich trogst../ Ich will noch länger dankbar sein für die minuten / Wo du mir schön erschienst und mich bewogst…/ / Lebewohl ! du wirst nicht sehen wenn in schmerz und schwäche / Mein blick sich feucht geblendet senkt und schliesst / Und wenn die sonne hinter der entseelten fläche / Im stumpfen blau ihr tiefes gold vergiesst.

 

(Stefan George)

 

Katakombe

Die Beigesetzten sind vergessen. / Ihr abgespeistes Licht loht draußen fort. / Wir sind von anderm Licht besessen. / Sucht Katakombenbrüder für das Wort. // Es pflanzt den Hall aus Gott im Hohlen, / Und Nachhall klärt sich auf zum Urbefehl: / Da kreist, zum Schweben herbefohlen, / Das All, verheimlicht erst, dann ohne Hehl. // Nun trägt es auch die Beigesetzten / Für uns, die schwach schon sind, in ihrer Kraft. / Womit sie ihre Augen letzten, / Ersehn sie uns für die Gefangenschaft. // Resede schaukelt und Limone. / Es sammelt den versprengten goldnen Hort / Die Nacht nicht ein; sie weiß, er wohne / Befreit, verbürgt im Katakombenwort.

 

(Oskar Loerke)

Fadensonnen

DIE KÖPFE, ungeheuer, die Stadt, / die sie baun, / hinterm Glück. // Wenn du noch einmal mein Schmerz wärst, dir treu, / und es käm eine Lippe vorbei, diesseitig, am / Ort, wo ich aus mir herausreich, // ich brächte dich durch / diese Straße / nach vorn.

 

(Paul Celan)

Die Geburt der Tragödie

Ja, meine Freunde, glaubt mit mir an das dionysische Leben und an die Wiedergeburt der Tragödie. Die Zeit des sokratischen Menschen ist vorüber: kränzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn ihr sollt erlöst werden. Ihr sollt den dionysischen Festzug von Indien nach Griechenland geleiten ! Rüstet euch zu hartem Streite, aber glaubt an die Wunder eures Gottes !

 

(Friedrich Nietzsche)

Regressiv

Ach, nicht in dir, nicht in Gestalten / der Liebe, in des Kindes Blut, / in keinem Wort, in keinem Walten / ist etwas, wo dein Dunkel ruht. // Götter und Tiere – alles Faxen. / Schöpfer und Schieber, ich und du – / Bruch, Katafalk, von Muscheln wachsen / die Augen zu. // Nur manchmal dämmert’s: In Gerüchen / vom Strand, Korallenkolorit, / in Spaltungen, in Niederbrüchen / hebst du der Nacht das schwere Lid: // Am Horizont die Schleierfähre, / stygische Blüten, Schlaf und Mohn, / die Träne wühlt sich in die Meere – / dir: thalassale Regression.

 

(Gottfried Benn)