Römerbrief

„Die Wirklichkeit der Religion ist Kampf und Ärgernis, Sünde und Tod, Teufel und Hölle. Sie führt den Menschen durchaus nicht heraus aus der Problematik von Schuld und Schicksal, sondern erst recht in sie hinein. Sie bringt ihm keine Lösung seiner Lebensfrage, sie macht ihn vielmehr sich selbst zum schlechthin unlösbaren Rätsel. Sie ist weder seine Erlösung noch deren Entdeckung, sie ist vielmehr die Entdeckung seiner Unerlöstheit. Sie will weder genossen noch gefeiert, sondern als hartes Joch, da es nicht abgeworfen werden kann, getragen sein. Religion kann man niemandem empfehlen: Sie ist ein Unglück, das mit fataler Notwendigkeit über gewisse Menschen hereinbricht und von ihnen auch auf andre kommt.“ (Karl Barth)

Aufzeichnungen 1991-2001

„Ich glaube, mit Auschwitz hört die (klassische) Geschichte von Christentum und Judentum auf. Wenigstens ist, was danach folgt, keine geistige, keine kulturelle und auch keine (im jüdisch-christlichen Sinn verstandene) religiös-seelische Geschichte mehr. – Warum sich Auschwitz also zu einem viel signifikanteren Ereignis unter den gewohnten verabscheuenswürdigen Ereignissen ethnischer und im Umkreis religiös-ideologischer Fanatismen üblicher Menschenausrottungen erhebt, hat seinen Grund gerade in dieser substantiellen Bedeutung; Auschwitz ist die Manifestation des Erlöschens einer zweitausendjährigen Kultur.“ (Imre Kertész)

Fadensonnen

„DIE KÖPFE, ungeheuer, die Stadt, / die sie baun, / hinterm Glück. // Wenn du noch einmal mein Schmerz wärst, dir treu, / und es käm eine Lippe vorbei, diesseitig, am / Ort, wo ich aus mir herausreich, // ich brächte dich durch / diese Straße / nach vorn.“ (Paul Celan)

Nur Narr ! Nur Dichter !

In den vergangenen Tagen hatte ich das Vergnügen, mit den anderen Teilnehmern des Peter-Szondi-Kollegs in Osnabrück, das nun mittlerweile seit zehn Jahren besteht, späte Gedichte Nietzsches sowie Abschnitte aus dessen Zarathustra zu interpretieren. Es ist sicherlich nicht selbstverständlich, daß in solch einem speziellen wissenschaftlichen Kontext, in dem ich die Rolle des quasi beruflich schreibenden, im Rahmen der gemeinsamen Lektüren implizit auch das eigene „Handwerk“ reflektierenden Gastes innehatte, eine so freundlich gelassene und gleichzeitig enorm auf den Gegenstand konzentrierte Atmosphäre herrscht.