Venus

Kaum ein Instrumentalsolo im popmusikalischen Zusammenhang hat mich von jeher so verstört wie jenes, das, im Rahmen eines Konzertes von Lou Reed 2003 in Los Angeles – auf dem Album „Animal serenade“ wurde es glücklicherweise festgehalten – die Cellistin Jane Scarpantoni bei dem Song „Venus in Furs“ mit derart zerrüttender Schärfe und Eindringlichkeit spielte, daß auch dem unbedarftesten Hörer deutlich wird, was Reed mit seinen, das Solo einleitenden Worten „now bleed for me“ gemeint haben muß. Und erst kürzlich, beim Wiederhören des Albums, wurde mir klar, daß Scarpantonis Spielweise vor allem deswegen so großartig plausibel ist, weil sie, vom Sound und der Artikulation her, jenes Solo genau so spielt, wie Lou Reed es auf seiner E-Gitarre selber interpretiert hätte.

Untergrundbahn

„So losgelöst. So müde. Ich will wandern. / Blutlos die Wege. Lieder aus den Gärten. / Schatten und Sintflut. Fernes Glück: ein Sterben / hin in des Meeres erlösend tiefes Blau.“ (Gottfried Benn)

Pathétique

Ungeheuerlich, was sich, in der späten Interpretation von Leonard Bernstein aus den Achtzigerjahren, im langsamen Schlußsatz der Sechsten Symphonie von Tschaikowski vom ersten Takt ereignet: Keine bloße Klage, kein bloß ergreifender Abschied vom Leben ist da zu hören – du wirst vielmehr zum Zeugen eines unabänderlichen Einfrierens jeder Form von Bewegung: Diese Ewigkeit, das große schwarze Loch in der Zeit, erobert sich die Musik gewissermaßen von innen her.

 

 

 

Sisyphos

„Eine Stufe tiefer – die Fremdheit: wahrnehmen, dass die Welt dicht, ahnen, wie sehr ein Stein fremd ist, auf nichts zurückzuführen, und mit welcher Intensität die Natur oder eine Landschaft uns verneinen kann.“ (Albert Camus)

Orpheus

Vor kurzem ist nun endlich, bei Wallstein, jenes Buch erschienen, an dem alle Beteiligten seit 2007 intensiv gearbeitet haben – der von Christoph König und Kai Bremer herausgegebene und kuratierte, von den Teilnehmern des Peter-Szondi-Kollegs an der Universität Osnabrück geschriebene Kommentarband zu Rilkes Orpheus-Sonetten, zu dem ich selber auch zwei Texte beitragen durfte.

(http://www.wallstein-verlag.de/9783835317017-ueber-die-sonette-an-orpheus-von-rilke.html)

 

Die gebrannte Performance

In Dresden hatte ich mir „Die gebrannte Performance“ gekauft, den akustischen Nachlaß von Thomas Kling, eine Zusammenstellung von Lesungsmitschnitten und Interviews, und nun, nach dem ersten bewußten Hören, habe ich den starken, aber auch irritierenden Eindruck, daß das Performen bei Kling ein Werk für sich ist, das auch vollkommen unabhängig von den gedruckten Texten wahrgenommen werden kann.

Die Errettung des Schönen

„Verdecken, Verzögern und Ablenken sind auch raum-zeitliche Strategien des Schönen. Das Kalkül des Halbverdeckten erzeugt einen verführerischen Glanz. Das Schöne zögert mit dem Erscheinen.“ (Byung-Chul Han)