Probe

„In die Zeit denken“, ruft Sergiu Celibidache bei einer Probe zu Bartoks Konzert für Orchester, die zum Glück von den Tontechnikern, die auch das spätere Konzert mitschnitten, festgehalten wurde, den Musikern der Münchner Philharmoniker zu, „korrelieren, verbinden“.

Die Krankheit zum Tode

„Christlicher Heroismus ist – und wahrlich, man sieht ihn selten genug -, das Wagnis zu unternehmen, ganz man selbst zu werden, ein einzelner Mensch, dieser bestimmte einzelne Mensch, allein vor Gott, allein in dieser ungeheuren Anstrengung und mit dieser ungeheuren Verantwortung; dagegen ist christlicher Heroismus nicht, Narretei mit dem reinen Menschen oder Ratespiele mit der Weltgeschichte zu treiben.“ (Kierkegaard)

Orpheus

„Während er so sang und zu seinen Worten die Saiten schlug, weinten die blutlosen Seelen, Tantalus griff nicht nach der fliehenden Welle, staunend stand Ixions Rad still, die Vögel zerfleischten nicht die Leber des Tityos, die Beliden ließen ihre Krüge stehen, und du, Sisyphus, saßest auf deinem Stein.“ (Ovid)

Venus

Kaum ein Instrumentalsolo im popmusikalischen Zusammenhang hat mich von jeher so verstört wie jenes, das, im Rahmen eines Konzertes von Lou Reed 2003 in Los Angeles – auf dem Album „Animal serenade“ wurde es glücklicherweise festgehalten – die Cellistin Jane Scarpantoni bei dem Song „Venus in Furs“ mit derart zerrüttender Schärfe und Eindringlichkeit spielte, daß auch dem unbedarftesten Hörer deutlich wird, was Reed mit seinen, das Solo einleitenden Worten „now bleed for me“ gemeint haben muß. Und erst kürzlich, beim Wiederhören des Albums, wurde mir klar, daß Scarpantonis Spielweise vor allem deswegen so großartig plausibel ist, weil sie, vom Sound und der Artikulation her, jenes Solo genau so spielt, wie Lou Reed es auf seiner E-Gitarre selber interpretiert hätte.

Untergrundbahn

„So losgelöst. So müde. Ich will wandern. / Blutlos die Wege. Lieder aus den Gärten. / Schatten und Sintflut. Fernes Glück: ein Sterben / hin in des Meeres erlösend tiefes Blau.“ (Gottfried Benn)

Pathétique

Ungeheuerlich, was sich, in der späten Interpretation von Leonard Bernstein aus den Achtzigerjahren, im langsamen Schlußsatz der Sechsten Symphonie von Tschaikowski vom ersten Takt ereignet: Keine bloße Klage, kein bloß ergreifender Abschied vom Leben ist da zu hören – du wirst vielmehr zum Zeugen eines unabänderlichen Einfrierens jeder Form von Bewegung: Diese Ewigkeit, das große schwarze Loch in der Zeit, erobert sich die Musik gewissermaßen von innen her.

 

 

 

Sisyphos

„Eine Stufe tiefer – die Fremdheit: wahrnehmen, dass die Welt dicht, ahnen, wie sehr ein Stein fremd ist, auf nichts zurückzuführen, und mit welcher Intensität die Natur oder eine Landschaft uns verneinen kann.“ (Albert Camus)